Die Gagfah – Siedlung

Kristina Kliche,
Merseburger kreiskalender 2009

Entstehungszeit
Merseburgs Charakter als Beamtenstadt änderte sich 1906 mit dem Beginn der industriellen Erschließung der Braunkohlevorkommen des Geiseltales sowie ganz entscheidend auch durch die 1916 bei Rössen errichtete Zweigstelle der Ludwigshafener Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF/ später Leuna-Werke). Für alle dort benötigten Arbeitskräfte wurden Wohnungen gebraucht. Außerdem musste Merseburg nach dem 1.Weltkrieg viele Flüchtlinge aus den ehemaligen Reichsgebieten aufnehmen. Hinzu kam die allgemein in deutschen Städten herrschende Wohnungsnot, bedingt auch durch den Stillstand von Bautätigkeit während der Kriegsjahre. Zur Abhilfe dieser Not wurde 1919 das Reichssiedlungsgesetz verabschiedet, zu dessen Durchsetzung, Verwaltung und Überwachung die Stadt Merseburg die neue Stelle des Stadtbaurates schuf, welche Friedrich Zollinger von 1918 bis 1930 innehatte.

Das Städtebau – und Siedlungswesen war neu für Merseburg und bei dessen enormer Entwicklung war es Friedrich Zollingers Hauptanliegen, alle Möglichkeiten zu nutzen, um den wachsenden Ansprüchen einer Industriestadt gerecht zu werden. Durch seinen Rahmenbebauungsplan versuchte er, diese Entwicklung in die richtigen Bahnen  für die Zukunft zu lenken. Mit einer extensiven Grünplanung wollte er die Industriestadt mit der Wohnstadt versöhnen. So entwarf er schon um 1920 einen Siedlungsplan, der 10 Siedlungen vor allem westlich der Bahnlinie umfasste. Um der Wohnungsnot zu begegnen, entwickelte Zollinger einfache, schnelle und vor allem kostengünstige Baumethoden:

1. Das Lamellendach[2], dessen typische Tonnenform die Nutzung des gesamten Dachraumes ermöglichte und durch ein holz-, zeit- und fachkräftesparendes Verfahren hergestellt wurde

2.) Das Schüttbetonverfahren[3], das mit einer wieder-verwendbaren Holzschalung und mit billigen, leicht zu beschaffenden Zuschlagstoffen zum teuren Zement wie Schlacke und Bims eine preiswerte Baualternative darstellte und beim Bau der Gagfah-Großsiedlung durch den Einsatz des sogenannten Merseburger Bauschiffes[4] ein sehr effizientes Bauen ermöglichte. 

Beide Baumethoden (Zollingerbauweise) wurden beim Wohnungs- und Siedlungsbau der Stadt Merseburg sowie bei öffentlichen Einzelgebäuden (z.B. Albrecht – Dürer – Schule, Gesundheitsamt) eingesetzt.

Der Anfang
„Von den Bauvorhaben des Jahres 1927 ist eines von besonderer Bedeutung, das dem Umfange und der Art der Finanzierung nach sich von den anderen erheblich unterscheidet. Es handelt sich um ein in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Merseburg, das heißt im Herzen der mitteldeutschen Industrie liegendes, großes Bauvorhaben, das 750 Wohnungen umfasst, die in drei- und viergeschossigen Häusern untergebracht sind. Das Bauvorhaben wird mit verhältnismäßig geringen öffentlichen Mitteln, aber mit beachtlicher Unterstützung der Industrie finanziert. Die Wohnungen sollen insbesondere die Umsiedlung der zurzeit noch weit von ihren Arbeitsplätzen wohnenden Arbeitern und Angestellten ermöglichen, darüber hinaus aber auch die Wohnungsnot in dem Industriezentrum Merseburg beheben.“ [5]

„Die Blanckewerke in Merseburg, die große Flächen unbebauten Landes ihr eigen nannten, waren in Konkurs geraten. Unter anderem hatte auch die Angestelltenversicherung dieser Firma ein Darlehen gewährt. Damit dies nicht ganz verloren gehe,beschlagnahmte man diese Flächen. Und in Gemeinschaft mit dem Leunawerk, das gerade damals seine Hochkonjunktur erlebte, wurde hier mit dem Bau einer Großsiedlung begonnen. Das Werk verpflichtete sich, bei seinen Arbeitern einen Mietzuschuß zu gewähren und erhielt dafür eine Anzahl Wohnungen zur freien Verfügung.“ [6]Einen authentischen Eindruck von der Bautätigkeit vermittelt ein Artikel des Merseburger Korrespondenten vom 14.8.1928 :
250 Wohnungen zum 1.Okt. bezugsfertig
Vom frühen Morgen bis zur sinkenden Dämmerung herrscht reges Leben und Treiben auf dem gewaltigen Bauplatz der Großsiedlung Merseburg der Gagfah. Ein ununterbrochenes Rasseln der Ketten, ein Hämmern, ein Pfeifen und Fauchen. Ein schier unentwirrbares Durcheinander von Gleisen und Materialien, von Erdhaufen, Baulöchern, Baugruppen in allen Stadien, von Werkstätten, Bauschiffen und Gießmaschinen. Ein Heer von Menschen geschäftig dazwischen. Auf den ersten Blick ein Chaos! Und doch läuft hier alles wie am Schnürchen. Keine unnütze Fuhre, kein vergebliches Warten auf Material, keine Stockung im Arbeitsgang.

Eine vorzügliche organisatorische Leistung hat es fertiggebracht, daß mit Hilfe des maschinellen Bauverfahrens heute – etwa 5 Monate nach Beginn der eigentlichen Bauarbeiten – bereits lange Häuserzeilen im Rohbau fertig sind. Diese Leistung ist um so höher zu bewerten, als das Bauverfahren (nach Baurat Zollinger) zum ersten Male in Deutschland in einem derartigen Ausmaße zur Anwendung kommt. Vieles, was theoretisch als gut befunden war, musste sich erst in der Praxis bewähren. So manche Verbesserung wurde bei der praktischen D u r c h f ü h r u n g  des  G r o ß v e r s u c h s  notwendig. Alle technischen Neuerungen, die sich im Laufe der jüngsten Zeit als zweckmäßig und rentabel erwiesen haben, werden ausgewertet. So hat man z.B. die Wände – unter Beibehaltung der Außenmaße – statt 38 nur 26 Zentimeter stark ausgeführt, nachdem festgestellt wurde, daß sie die gleichen Eigenschaften haben. Dadurch wird  5 Prozent der Nutzfläche gewonnen. Was das für jede einzelne Wohnung, was das bei den gesamten 225 000  K u b i k m e t e r  umbauten  R a u m s ausmacht, kann man leicht errechnen

Die Verbilligung der Wohnungsherstellungliegt in der Hauptsache in der Anwendung des  Schüttverfahrens , zum anderen in der weitestgehenden T y p i s i e r u n g  der Häuser, die es gestatten, die Verschalung immer wieder zu verwenden, die die Herstellung der 5000 Fenster und 6000 Türen fabrikatorisch ermöglicht. Ferner ist es möglich, in weitgehendem Maße ungelernte Arbeiter zu beschäftigen. So sind von  1 1 0 0   Arbeitern, die zur Zeit auf der Baustelle beschäftigt werden, noch nicht einmal der vierte Teil gelernte Handwerker. Da eine große Knappheit an Bauhandwerkern in unserer Gegend herrscht, ist diese Tatsache sehr wertvoll. Zugleich haben hier viele Arbeiter Beschäftigung gefunden, die sonst der Erwerbslosenfürsorge zur Last fallen würden.

Eine weitere Verbilligung des Bauens, die nicht zu gering zu veranschlagen ist, liegt in der schnellen Durchführung des Bauvorhabens.Wer schnell baut, baut billig. Das Baukapital liegt nicht lange tot, es wird früher verzinst und amortisiert. Unter diesem Gesichtswinkel ist der gesamte Bauplan aufgestellt worden. Fünf Kilometer Feldbahngleis, ein gewaltiger Lorenpark, viele Bauschiffe und lange Transportbänder (letztere befördern das Material bis zu 20 Meter Höhe!), und vor allem die eingangs erwähnte vorzügliche Organisation, die stets zur rechten Zeit Arbeitskraft und Material an der richtigen Stelle hat, haben das schier Unmögliche vollbracht, den Bauplan bis heute innezuhalten. Als es beim Beginn der Bauarbeiten hieß, 750 Wohnungen  werden innerhalb  1 ½  J a h r e n  errichtet, wurde nicht nur in Laienkreisen eine gewisse Skepsis laut. Die Firma Allgemeine Häuserbau AG Sommerfeld, Berlin, wird jedoch, wenn nicht außergewöhnliche Ereignisse eintreten, die Arbeiten in dem vorgesehenen Zeitraum glatt erfüllen.

Von dem großen Bauprogramm ist ein  D r i t t e l   i n     n ä c h s t e r   Zeit   h e r g e s t e l l t. Einige Baublocks könnten schon heute bezogen werden, wenn nicht die Arbeit auf dem übrigen Gelände dadurch behindert würde. Kanalisation, Gas-, Wasser-  und Lichtleitungen liegen bereits im größten Teile des Geländes. In den nächsten Wochen werden bereits einige Straßen angelegt – auch das gehört zum Projekt –  und am 15.September, spätestens 1.Oktober werden dann 250 Wohnungen zum Bezuge freigegeben werden können.

Die Wohnungensind sehr praktisch eingerichtet. Sie haben die Ausstattung erhalten, die heute unbedingt für ein Heim notwendig ist: elektrisches Licht, Gas, Wasserleitung und eine Badeinrichtung. Die Räume machen einen freundlichen Eindruck. Das Wohnzimmer hat stets Doppelfenster. Große Kachelöfen werden im Winter für genügend Wärme in allen Zimmern sorgen. Die Küchen sind nur klein, sie sind absichtlich so gehalten, um die Familien an das Wohnen im Wohnraum zu gewöhnen. Für den Sommer wird der Aufenthalt in der Loggia sehr angenehm sein. Die Wohnungen sind in Größenklassen eingeteilt, die Miete kommt erheblich niedriger als in anderen neuerbauten, gleichgroßen Wohnungen.

Fachleute aus allen deutschen Gauen sind in diesen Monaten in Merseburg eingekehrt, um diesen Großversuch, der den Auftakt zu einer
R e v o l u t i o n  i m  B a u g e w e r b e  geben wird, kennenzulernen. Aus den Erfahrungen dieses Großversuches sind schon viele Lehren gezogen. Hoffentlich zieht man auch die, dass in dieser Bauweise ein Mittel gegeben ist, die Wohnungsnot in einem ganz anderen Maße zu bekämpfen, als das bisher geschehen ist. Gm.“   

Nach dem 2.Weltkrieg
Die der mitteldeutschen Industrie geltenden Luftangriffe richteten schwere Schäden in Merseburg an. Obwohl es auch einige ausgebombte Häuser in der Gagfah gab, war das Ausmaß der Zerstörungen hier vergleichsweise gering.

Mit der Gründung der DDR und ihrer massiven Entwicklung von Chemie- und Kohleindustrie  in der Merseburger Region entstanden die Stadtteile Süd, Nord und West, so dass in Merseburg damals ca. 55000 Einwohner lebten. Der Bauboom war auch in der Gagfah zu spüren, wo z.B. Außenanlagen und Spielplätze komplex neugestaltet sowie die Häuser teilweise mit neuen Linoleumfußböden (Bunabelag) und Kachelöfen ausgestattet und Fenster mit neuen Farbanstrichen versehen wurden. Zu dieser Zeit war schon ein erster Verfall der Häuser zu beobachten. So führte z.B. die Erneuerung von Schornsteinköpfen durch viel zu schweres Klinkermauerwerk zu Belastungsschäden der Schüttbetonwände. Der einheitliche Gesamteindruck der rückwärtigen Häuserfronten wurde nach und nach verwischt, weil einzelne Mieter die Loggia selbst individuell zubauten,  um so zusätzlichen Wohnraum zu gewinnen. Viele Bewohner zogen fort, denn gegenüber den in der Gagfah üblichen Alltagsverrichtungen wie das Anheizen des Badeofens am Samstag für das wöchentliche Wannenbad, dem Kohlenschleppen und Asche runtertragen waren die Vorteile der Neubauwohnungen im Merseburger REKO -Gebiet oder in Halle-Neustadt wie Fernheizung, immer warmes Wasser aus der Wand und sogar Einbauküchen sehr verlockend! Diese Komfortwohnungen bekam man jedoch meist erst nach erheblich langen Wartezeiten und natürlich zu höheren Mieten. So blieben viele Familien und alte Leute, die ihre Wohnung nicht mehr wechseln wollten oder diejenigen, die es nicht „in die Platte“ zog, in der Gagfah wohnen. Neben den von Leuna subventionierten  Mieten spielte auch das Kohledeputat (Ofenheizungswohnungen!) für viele Mieter, die in der Kohleindustrie arbeiteten, eine wichtige Rolle.

Nach der Wende 1989
Einhergehend mit der größten politischen Errungenschaft der neueren deutschen Geschichte, der friedlichen Revolution von 1989, gab es in der Region um Merseburg tiefgreifende wirtschaftliche Änderungen. Eine Modernisierung der Chemieregion einschließlich der Anpassung an umweltrelevante Aspekte war dringend erforderlich. Ein immenser Umbau, auch in Richtung Dienstleistungsgesellschaft, musste erfolgen und begann mit dem Abriss der maroden Werke. Tausende Arbeiter verloren ihre Erwerbsquelle. Viele von ihnen verwirklichten sich den einstigen Traum der Selbständigkeit, schulten um in andere Berufe oder suchten sich auswärts neue Stellen. Die Einwohnerzahl sank dramatisch und zum Ende 2005 hatte Merseburg nur noch etwa 35.000 Einwohner. In dieser Zeit entstanden in Merseburg und an der Peripherie neue Wohnhäuser, alte wurden nach den heute geltenden Standards bzgl. Wohnkomfort saniert. Das alles führte zu einer ganz neuen Situation in Merseburg: es gab ein Überangebot an Wohnungen! In der Gagfah waren die Mieten weiterhin, auch wegen der nicht mehr zeitgemäßen Wohnqualität, relativ niedrig. Zeitweise wurde Bürgern, die Probleme hatten und auch Probleme machten (z.B. Alkohol, Mietschulden), von der Stadtverwaltung hier Wohnraum zugewiesen, was sich durch eine gewisse Konzentration nachteilig auf das Image der Siedlung auswirkte.

Das Ende
Wer es sich leisten konnte, zog aus der Gagfah weg. Ganz viele Wohnungen standen leer, wurden teilweise von Jugendlichen oder Obdachlosen besetzt. Das soziale Klima in der einstmals modernsten Wohnsiedlung Merseburgs mit fröhlichen Kinderscharen und Mietern, für die ein freundliches nachbarschaftliches Miteinander Selbstverständlichkeit war, wurde mehr und mehr abgewertet. Nach Verfall, Verwahrlosung und Vandalismus erfolgte in den Jahren 2005-2008 der komplette Rückbau der Gagfah-Siedlung. Seit April 2008 ist dieser bauhistorisch bedeutsame Stadtteil Merseburgs am Fuße des Blancke-Turmes mit seinen 750 Wohnungen in  26 Gebäuden entlang an 9 Straßen[7] verschwunden.

Was bleibt
An die ehemals sehr beliebte Wohnsiedlung, die in den 80 Jahren ihres Bestehens Heimat für viele Generationen von Merseburgern war, erinnern heute nur noch das Zollingerdenkmal an der Dürer-Schule.

Für die Vorbereitung und Gestaltung des Außengeländes fand sich Herr Weiß (Architekt) und für die Info-Tafel der Merseburger Altstadtverein bereit. Das Dach-Modell war schon vor Ort und Frau Kliche „organisierte“ ein Original-Schüttbeton-Wandelement vom Abriss des letzten Gagfah-Hauses aus der Hatheburgstraße hinzu. Somit sind im Zollingerdenkmal seine beiden Bauelemente zusammengeführt und eine Infotafel verweist auf die Patente und das verdienstvolle Wirken des Merseburger Stadtbaurates.

[1] Abkürzung für die 1918 in Berlin gegründete Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten . Ihr Ziel war es, für breite Schichten der Bevölkerung gesunde und familienfreundliche Wohnungen herzustellen.  Die GAGFAH – Gruppe mit ihrer Hauptgeschäftsstelle in Essen gibt es noch heute.

[2] Zollinger 2.Patent 1923: „Raumabschließende, ebene oder gekrümmte Bauteile“ Patent- Nr. 387 469

[3] Zollinger 1.Patent 1913: „Verfahren u. Vorrichtung zur Herstellung von Wänden, Säulen u. Decken  aus  Beton oder Eisenbeton mit Hohlräumen“ Patent- Nr. 263 193

[4] auf Schienen fahrbarer Portalkran, von dem aus die Betonmischung in die Zwischenräume der Holzverschalung gefüllt wurde

[5] Aus dem  GAGFAH/Geschäftsbericht 1927, S. 9   

[6] Merseburger Tageblatt vom 31.10.1931

[7] Alberichstr., August-Bebel-Str. (Roter Brückenrain),  Erwinstr., Hatheburgstr., Lutherstr. (erst Schwarzer Weg, dann Blanckestr.), Markwardstr., Reinefarthstr., Thankmarstr.,  V.-Harnack-Str. (Bismarckstr.),

[8] Offener Kanal Merseburg-Querfurt

[9] Die GAGFAH  M Immobilien-Management GmbH der Gagfah–Group / Hauptverwaltung Essen übereignete Fr. Kliche im März 2008 einen Ordner mit 132 Originalfotos, welchen sie ihrer Heimatstadt Merseburg schenkte.

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