Zollinger-Lied von Marion Broedel & Dietmar George

> Notenblatt

  1. Merseburg vor hundert Jahren
    wurde plötzlich überrannt.
    Nach dem Krieg da kamen viele
    aus dem ganzen deutschen Land.
    Arbeit findet man in Leuna
    oder auch im Geiseltal.
    doch die Wohnraumsuche,
    sie ist jetzt ’ne Qual.
    Wohnungen gibt’s nicht mehr?
    ein Stadtbaurat muss her.
    (Refrain)
    Schaffe, schaffe Häusle bauen.
    Aufstehn schon im Morgenrauen!
    Wer bloß aber hat sich diese Siedlung ausgedacht?
    ’s war der Zollinger, der Zollinger
    der Mann von unser’m Dach.
  2. Friedrich ist ein Architekt,
    war vom Menschen inspiriert.
    Er verdiente sich Respekt,
    weil ein Dach er konstruiert,
    außerdem noch ein Patent,
    wie man günstig bauen kann;
    Siedlungshäuser eben
    für den kleinen Mann.
    Schüttbeton, Schüttbeton —
    der Knüller der Saison!
    (Refrain)
    Schaffe, schaffe Häusle bauen…
  3. Zuerst plant er ein Zuhause,
    Doppelhaus mit Stall und Hof,
    und er nennt die Siedlung „Klause“,
    doch den Namen find‘t man doof.
    Viele hausten in Baracken,
    die ganz schwarz gestrichen war‘n,
    sieht so aus wie‘n „Negerdörfchen“ —
    ist doch klar!
    Baugerüst läuft hin und her,
    wer bauen will, hat‘s schwer!
    (Refrain)
    Schaffe, schaffe und so weiter
    auf der langen Lebensleiter,
    uns‘re Siedlung lässt sich seh‘n,
    wir haben was geschafft.
    Dank dem Zollinger, dem Zollinger
    und uns‘rer eignen Kraft!

© Marion Broedel & Dietmar George

Zollingers letzter Streich

Tag des offenen Denkmals am 8.9.2019 – Mitteldeutsche Zeitung (Briest)

Foto: M.Behne, lautwieleise.de

Die Kreuzkapelle in Freiimfelde war Friedrich Zollingers letztes Bauwerk in Merseburg. Der schlichte Sakralbau mit dem charakteristischen gebogenen Zollinger-Dach entstand 1932 binnen nur drei Monaten. Zollinger war da schon freischaffend. Als Stadtbaurat von 1918 bis 1930 prägte er Merseburgs Erscheinungsbild bis in die Gegenwart. Im Kulturhistorischen Museum läuft derzeit eine Ausstellung zu seinem Wirken.

Der den Himmel bog


https://www.moderne-regional.de/der-den-himmel-bog/
Zollinger prägte bis 1930 das Merseburger Stadtbild: Mehrere Siedlungen entstanden mit den unverwechselbar gebogenen Zollinger-Dächern, die den Bau von Eigenheimen und einfachen Industriebauten damals preisgünstig möglich machten. Das von ihm entwickelte Schüttbetonverfahren ermöglichte den Hausbau in kürzester Zeit.

Zollingers Wohnhaus in Merseburg von 1926

Lust auf Zollinger beim Schloßfest

Modell eines Zollinger-Daches erbaut von Wilfried Jannek

Mitteldeutsche Zeitung 15. Juni 2019 VON UNDINE FREYBERG

MERSEBURG/MZ Wilfried Jannek aus Blösien hat eine Baumpflege-Firma. Damit ist dem 64-Jährigen der Umgang mit Holz durchaus vertraut. Als sich sein Merseburger Sportverein SV Rabe 90 entschied, beim Festumzug zum Jubiläumsschlossfest ein Bild zu Ehren des früheren Stadtbaurates Friedrich Zollinger (1880-1945) darzustellen, weil ja 2019 in Merseburg Zollinger-Jahr ist, packte Jannek die Baulust. „Ich wollte einfach versuchen, ob man ein Zollingerdach nachbauen kann“, sagte er. Zollinger hatte sein berühmtes Dach nach dem Ende des Ersten Weltkrieges während seiner Zeit in Merseburg entwickelt. „Damals mangelte es an Material und es gab nur kleine Bretterteile“, sagte Wilfried Jannek. Deshalb habe auch er nur alte Holzpaletten benutzt. Wie man so eine Rauten-Lamellen-Konstruktion baut, diese Infos habe er sich aus dem Internet besorgt, da er keine Bücher dazu habe finden können. Rund zweieinhalb Tage habe er an seiner etwa 2,50 mal 1,40 Meter großen Konstruktion gearbeitet, die beim Umzug auf einem Anhänger transportiert wird, der von einem Rasentraktor gezogen wird. Wie üblich wird Wilfried Jannek beim Festumzug mit der ganzen Familie dabei sein – mit Ehefrau Cornelia (60), Sohn Steven (37) sowie Tochter Stephanie und Enkelin Kim (9) und natürlich unterstützt von weiteren 25 Mitgliedern des SV Rabe 90.

Die Kostümierung der Sportler im Zollinger-Look war für die Königliche Hofschneiderei allerdings eine echte Herausforderung. Denn für die Zeit ab etwa 1912 gibt es gar keine Kostüme im Fundus. Doch deren Chefin Kerstin Knoblauch gehen ja nie die Ideen aus. Sie schaute sich also in büchern an, wie man zu Zeiten Zollingers gekleidet war, und ihr fiel auf dass die Kleider aus der Zeit so ähnlich aussahen wie die Cul-de-Paris-Kleider Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Kleider betonten den verlängerten Rücken der Damen und wurden auch Kleider mit „Pariser Hintern“ genannt. „Wir mussten nur das Kissen rausnehmen und schon hatten wir Kleider aus der Zollinger-Zeit“, schmunzelt Kerstin Knoblauch. Die Männer kostümiert sie alle als Zimmerleute.

Beim diesjährigen Festumzug, der am 16. Juni um 11 Uhr in der Sixtistraße beginnt und über Kliaplatte, Burgstraße und Krummes Tor zum Domplatz führt, wird es in diesem Jahr nur drei historische Bilder geben, um den Vereinen und Gruppen aus Merseburg und Umgebung mehr Platz einzuräumen

Mit dem Fahrrad auf den Spuren Zollingers

MERSEBURG/MZ 15. Juni 2019 Aus Anlass des Friedrich-Zollinger-Jahres in Merseburg laden die Merseburger Stadtführer am Samstag, 22. Juni, zu einer Fahrradtour durch Merseburg unter dem Titel „Auf den Spuren Friedrich Zollingers“ ein. 1918 bewarb sich Zollinger auf die Stelle des Merseburger Stadtbaurates. In den folgenden zwölf Amtsjahren entwickelte er das sogenannte Schüttbetonverfahren und konstruierte das gewölbte Lamellendach. Mit dieser Bauweise prägte Zollinger das Bild zahlreicher kleiner Wohngebiete in Merseburg. Sein Verdienst war die Erstellung eines Generalbebauungsplanes und die Schaffung preiswerten Wohnraumes in der damaligen schwierigen Nachkriegszeit. Treffpunkt der Radtour mit den Stadtführern ist am 22. Juni, 14 Uhr, vor dem Bahnhof Merseburg

Die Gagfah – Siedlung

Kristina Kliche,
Merseburger kreiskalender 2009

Entstehungszeit
Merseburgs Charakter als Beamtenstadt änderte sich 1906 mit dem Beginn der industriellen Erschließung der Braunkohlevorkommen des Geiseltales sowie ganz entscheidend auch durch die 1916 bei Rössen errichtete Zweigstelle der Ludwigshafener Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF/ später Leuna-Werke). Für alle dort benötigten Arbeitskräfte wurden Wohnungen gebraucht. Außerdem musste Merseburg nach dem 1.Weltkrieg viele Flüchtlinge aus den ehemaligen Reichsgebieten aufnehmen. Hinzu kam die allgemein in deutschen Städten herrschende Wohnungsnot, bedingt auch durch den Stillstand von Bautätigkeit während der Kriegsjahre. Zur Abhilfe dieser Not wurde 1919 das Reichssiedlungsgesetz verabschiedet, zu dessen Durchsetzung, Verwaltung und Überwachung die Stadt Merseburg die neue Stelle des Stadtbaurates schuf, welche Friedrich Zollinger von 1918 bis 1930 innehatte.

Das Städtebau – und Siedlungswesen war neu für Merseburg und bei dessen enormer Entwicklung war es Friedrich Zollingers Hauptanliegen, alle Möglichkeiten zu nutzen, um den wachsenden Ansprüchen einer Industriestadt gerecht zu werden. Durch seinen Rahmenbebauungsplan versuchte er, diese Entwicklung in die richtigen Bahnen  für die Zukunft zu lenken. Mit einer extensiven Grünplanung wollte er die Industriestadt mit der Wohnstadt versöhnen. So entwarf er schon um 1920 einen Siedlungsplan, der 10 Siedlungen vor allem westlich der Bahnlinie umfasste. Um der Wohnungsnot zu begegnen, entwickelte Zollinger einfache, schnelle und vor allem kostengünstige Baumethoden:

1. Das Lamellendach[2], dessen typische Tonnenform die Nutzung des gesamten Dachraumes ermöglichte und durch ein holz-, zeit- und fachkräftesparendes Verfahren hergestellt wurde

2.) Das Schüttbetonverfahren[3], das mit einer wieder-verwendbaren Holzschalung und mit billigen, leicht zu beschaffenden Zuschlagstoffen zum teuren Zement wie Schlacke und Bims eine preiswerte Baualternative darstellte und beim Bau der Gagfah-Großsiedlung durch den Einsatz des sogenannten Merseburger Bauschiffes[4] ein sehr effizientes Bauen ermöglichte. 

Beide Baumethoden (Zollingerbauweise) wurden beim Wohnungs- und Siedlungsbau der Stadt Merseburg sowie bei öffentlichen Einzelgebäuden (z.B. Albrecht – Dürer – Schule, Gesundheitsamt) eingesetzt.

Der Anfang
„Von den Bauvorhaben des Jahres 1927 ist eines von besonderer Bedeutung, das dem Umfange und der Art der Finanzierung nach sich von den anderen erheblich unterscheidet. Es handelt sich um ein in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Merseburg, das heißt im Herzen der mitteldeutschen Industrie liegendes, großes Bauvorhaben, das 750 Wohnungen umfasst, die in drei- und viergeschossigen Häusern untergebracht sind. Das Bauvorhaben wird mit verhältnismäßig geringen öffentlichen Mitteln, aber mit beachtlicher Unterstützung der Industrie finanziert. Die Wohnungen sollen insbesondere die Umsiedlung der zurzeit noch weit von ihren Arbeitsplätzen wohnenden Arbeitern und Angestellten ermöglichen, darüber hinaus aber auch die Wohnungsnot in dem Industriezentrum Merseburg beheben.“ [5]

„Die Blanckewerke in Merseburg, die große Flächen unbebauten Landes ihr eigen nannten, waren in Konkurs geraten. Unter anderem hatte auch die Angestelltenversicherung dieser Firma ein Darlehen gewährt. Damit dies nicht ganz verloren gehe,beschlagnahmte man diese Flächen. Und in Gemeinschaft mit dem Leunawerk, das gerade damals seine Hochkonjunktur erlebte, wurde hier mit dem Bau einer Großsiedlung begonnen. Das Werk verpflichtete sich, bei seinen Arbeitern einen Mietzuschuß zu gewähren und erhielt dafür eine Anzahl Wohnungen zur freien Verfügung.“ [6]Einen authentischen Eindruck von der Bautätigkeit vermittelt ein Artikel des Merseburger Korrespondenten vom 14.8.1928 :
250 Wohnungen zum 1.Okt. bezugsfertig
Vom frühen Morgen bis zur sinkenden Dämmerung herrscht reges Leben und Treiben auf dem gewaltigen Bauplatz der Großsiedlung Merseburg der Gagfah. Ein ununterbrochenes Rasseln der Ketten, ein Hämmern, ein Pfeifen und Fauchen. Ein schier unentwirrbares Durcheinander von Gleisen und Materialien, von Erdhaufen, Baulöchern, Baugruppen in allen Stadien, von Werkstätten, Bauschiffen und Gießmaschinen. Ein Heer von Menschen geschäftig dazwischen. Auf den ersten Blick ein Chaos! Und doch läuft hier alles wie am Schnürchen. Keine unnütze Fuhre, kein vergebliches Warten auf Material, keine Stockung im Arbeitsgang.

Eine vorzügliche organisatorische Leistung hat es fertiggebracht, daß mit Hilfe des maschinellen Bauverfahrens heute – etwa 5 Monate nach Beginn der eigentlichen Bauarbeiten – bereits lange Häuserzeilen im Rohbau fertig sind. Diese Leistung ist um so höher zu bewerten, als das Bauverfahren (nach Baurat Zollinger) zum ersten Male in Deutschland in einem derartigen Ausmaße zur Anwendung kommt. Vieles, was theoretisch als gut befunden war, musste sich erst in der Praxis bewähren. So manche Verbesserung wurde bei der praktischen D u r c h f ü h r u n g  des  G r o ß v e r s u c h s  notwendig. Alle technischen Neuerungen, die sich im Laufe der jüngsten Zeit als zweckmäßig und rentabel erwiesen haben, werden ausgewertet. So hat man z.B. die Wände – unter Beibehaltung der Außenmaße – statt 38 nur 26 Zentimeter stark ausgeführt, nachdem festgestellt wurde, daß sie die gleichen Eigenschaften haben. Dadurch wird  5 Prozent der Nutzfläche gewonnen. Was das für jede einzelne Wohnung, was das bei den gesamten 225 000  K u b i k m e t e r  umbauten  R a u m s ausmacht, kann man leicht errechnen

Die Verbilligung der Wohnungsherstellungliegt in der Hauptsache in der Anwendung des  Schüttverfahrens , zum anderen in der weitestgehenden T y p i s i e r u n g  der Häuser, die es gestatten, die Verschalung immer wieder zu verwenden, die die Herstellung der 5000 Fenster und 6000 Türen fabrikatorisch ermöglicht. Ferner ist es möglich, in weitgehendem Maße ungelernte Arbeiter zu beschäftigen. So sind von  1 1 0 0   Arbeitern, die zur Zeit auf der Baustelle beschäftigt werden, noch nicht einmal der vierte Teil gelernte Handwerker. Da eine große Knappheit an Bauhandwerkern in unserer Gegend herrscht, ist diese Tatsache sehr wertvoll. Zugleich haben hier viele Arbeiter Beschäftigung gefunden, die sonst der Erwerbslosenfürsorge zur Last fallen würden.

Eine weitere Verbilligung des Bauens, die nicht zu gering zu veranschlagen ist, liegt in der schnellen Durchführung des Bauvorhabens.Wer schnell baut, baut billig. Das Baukapital liegt nicht lange tot, es wird früher verzinst und amortisiert. Unter diesem Gesichtswinkel ist der gesamte Bauplan aufgestellt worden. Fünf Kilometer Feldbahngleis, ein gewaltiger Lorenpark, viele Bauschiffe und lange Transportbänder (letztere befördern das Material bis zu 20 Meter Höhe!), und vor allem die eingangs erwähnte vorzügliche Organisation, die stets zur rechten Zeit Arbeitskraft und Material an der richtigen Stelle hat, haben das schier Unmögliche vollbracht, den Bauplan bis heute innezuhalten. Als es beim Beginn der Bauarbeiten hieß, 750 Wohnungen  werden innerhalb  1 ½  J a h r e n  errichtet, wurde nicht nur in Laienkreisen eine gewisse Skepsis laut. Die Firma Allgemeine Häuserbau AG Sommerfeld, Berlin, wird jedoch, wenn nicht außergewöhnliche Ereignisse eintreten, die Arbeiten in dem vorgesehenen Zeitraum glatt erfüllen.

Von dem großen Bauprogramm ist ein  D r i t t e l   i n     n ä c h s t e r   Zeit   h e r g e s t e l l t. Einige Baublocks könnten schon heute bezogen werden, wenn nicht die Arbeit auf dem übrigen Gelände dadurch behindert würde. Kanalisation, Gas-, Wasser-  und Lichtleitungen liegen bereits im größten Teile des Geländes. In den nächsten Wochen werden bereits einige Straßen angelegt – auch das gehört zum Projekt –  und am 15.September, spätestens 1.Oktober werden dann 250 Wohnungen zum Bezuge freigegeben werden können.

Die Wohnungensind sehr praktisch eingerichtet. Sie haben die Ausstattung erhalten, die heute unbedingt für ein Heim notwendig ist: elektrisches Licht, Gas, Wasserleitung und eine Badeinrichtung. Die Räume machen einen freundlichen Eindruck. Das Wohnzimmer hat stets Doppelfenster. Große Kachelöfen werden im Winter für genügend Wärme in allen Zimmern sorgen. Die Küchen sind nur klein, sie sind absichtlich so gehalten, um die Familien an das Wohnen im Wohnraum zu gewöhnen. Für den Sommer wird der Aufenthalt in der Loggia sehr angenehm sein. Die Wohnungen sind in Größenklassen eingeteilt, die Miete kommt erheblich niedriger als in anderen neuerbauten, gleichgroßen Wohnungen.

Fachleute aus allen deutschen Gauen sind in diesen Monaten in Merseburg eingekehrt, um diesen Großversuch, der den Auftakt zu einer
R e v o l u t i o n  i m  B a u g e w e r b e  geben wird, kennenzulernen. Aus den Erfahrungen dieses Großversuches sind schon viele Lehren gezogen. Hoffentlich zieht man auch die, dass in dieser Bauweise ein Mittel gegeben ist, die Wohnungsnot in einem ganz anderen Maße zu bekämpfen, als das bisher geschehen ist. Gm.“   

Nach dem 2.Weltkrieg
Die der mitteldeutschen Industrie geltenden Luftangriffe richteten schwere Schäden in Merseburg an. Obwohl es auch einige ausgebombte Häuser in der Gagfah gab, war das Ausmaß der Zerstörungen hier vergleichsweise gering.

Mit der Gründung der DDR und ihrer massiven Entwicklung von Chemie- und Kohleindustrie  in der Merseburger Region entstanden die Stadtteile Süd, Nord und West, so dass in Merseburg damals ca. 55000 Einwohner lebten. Der Bauboom war auch in der Gagfah zu spüren, wo z.B. Außenanlagen und Spielplätze komplex neugestaltet sowie die Häuser teilweise mit neuen Linoleumfußböden (Bunabelag) und Kachelöfen ausgestattet und Fenster mit neuen Farbanstrichen versehen wurden. Zu dieser Zeit war schon ein erster Verfall der Häuser zu beobachten. So führte z.B. die Erneuerung von Schornsteinköpfen durch viel zu schweres Klinkermauerwerk zu Belastungsschäden der Schüttbetonwände. Der einheitliche Gesamteindruck der rückwärtigen Häuserfronten wurde nach und nach verwischt, weil einzelne Mieter die Loggia selbst individuell zubauten,  um so zusätzlichen Wohnraum zu gewinnen. Viele Bewohner zogen fort, denn gegenüber den in der Gagfah üblichen Alltagsverrichtungen wie das Anheizen des Badeofens am Samstag für das wöchentliche Wannenbad, dem Kohlenschleppen und Asche runtertragen waren die Vorteile der Neubauwohnungen im Merseburger REKO -Gebiet oder in Halle-Neustadt wie Fernheizung, immer warmes Wasser aus der Wand und sogar Einbauküchen sehr verlockend! Diese Komfortwohnungen bekam man jedoch meist erst nach erheblich langen Wartezeiten und natürlich zu höheren Mieten. So blieben viele Familien und alte Leute, die ihre Wohnung nicht mehr wechseln wollten oder diejenigen, die es nicht „in die Platte“ zog, in der Gagfah wohnen. Neben den von Leuna subventionierten  Mieten spielte auch das Kohledeputat (Ofenheizungswohnungen!) für viele Mieter, die in der Kohleindustrie arbeiteten, eine wichtige Rolle.

Nach der Wende 1989
Einhergehend mit der größten politischen Errungenschaft der neueren deutschen Geschichte, der friedlichen Revolution von 1989, gab es in der Region um Merseburg tiefgreifende wirtschaftliche Änderungen. Eine Modernisierung der Chemieregion einschließlich der Anpassung an umweltrelevante Aspekte war dringend erforderlich. Ein immenser Umbau, auch in Richtung Dienstleistungsgesellschaft, musste erfolgen und begann mit dem Abriss der maroden Werke. Tausende Arbeiter verloren ihre Erwerbsquelle. Viele von ihnen verwirklichten sich den einstigen Traum der Selbständigkeit, schulten um in andere Berufe oder suchten sich auswärts neue Stellen. Die Einwohnerzahl sank dramatisch und zum Ende 2005 hatte Merseburg nur noch etwa 35.000 Einwohner. In dieser Zeit entstanden in Merseburg und an der Peripherie neue Wohnhäuser, alte wurden nach den heute geltenden Standards bzgl. Wohnkomfort saniert. Das alles führte zu einer ganz neuen Situation in Merseburg: es gab ein Überangebot an Wohnungen! In der Gagfah waren die Mieten weiterhin, auch wegen der nicht mehr zeitgemäßen Wohnqualität, relativ niedrig. Zeitweise wurde Bürgern, die Probleme hatten und auch Probleme machten (z.B. Alkohol, Mietschulden), von der Stadtverwaltung hier Wohnraum zugewiesen, was sich durch eine gewisse Konzentration nachteilig auf das Image der Siedlung auswirkte.

Das Ende
Wer es sich leisten konnte, zog aus der Gagfah weg. Ganz viele Wohnungen standen leer, wurden teilweise von Jugendlichen oder Obdachlosen besetzt. Das soziale Klima in der einstmals modernsten Wohnsiedlung Merseburgs mit fröhlichen Kinderscharen und Mietern, für die ein freundliches nachbarschaftliches Miteinander Selbstverständlichkeit war, wurde mehr und mehr abgewertet. Nach Verfall, Verwahrlosung und Vandalismus erfolgte in den Jahren 2005-2008 der komplette Rückbau der Gagfah-Siedlung. Seit April 2008 ist dieser bauhistorisch bedeutsame Stadtteil Merseburgs am Fuße des Blancke-Turmes mit seinen 750 Wohnungen in  26 Gebäuden entlang an 9 Straßen[7] verschwunden.

Was bleibt
An die ehemals sehr beliebte Wohnsiedlung, die in den 80 Jahren ihres Bestehens Heimat für viele Generationen von Merseburgern war, erinnern heute nur noch das Zollingerdenkmal an der Dürer-Schule.

Für die Vorbereitung und Gestaltung des Außengeländes fand sich Herr Weiß (Architekt) und für die Info-Tafel der Merseburger Altstadtverein bereit. Das Dach-Modell war schon vor Ort und Frau Kliche „organisierte“ ein Original-Schüttbeton-Wandelement vom Abriss des letzten Gagfah-Hauses aus der Hatheburgstraße hinzu. Somit sind im Zollingerdenkmal seine beiden Bauelemente zusammengeführt und eine Infotafel verweist auf die Patente und das verdienstvolle Wirken des Merseburger Stadtbaurates.

[1] Abkürzung für die 1918 in Berlin gegründete Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten . Ihr Ziel war es, für breite Schichten der Bevölkerung gesunde und familienfreundliche Wohnungen herzustellen.  Die GAGFAH – Gruppe mit ihrer Hauptgeschäftsstelle in Essen gibt es noch heute.

[2] Zollinger 2.Patent 1923: „Raumabschließende, ebene oder gekrümmte Bauteile“ Patent- Nr. 387 469

[3] Zollinger 1.Patent 1913: „Verfahren u. Vorrichtung zur Herstellung von Wänden, Säulen u. Decken  aus  Beton oder Eisenbeton mit Hohlräumen“ Patent- Nr. 263 193

[4] auf Schienen fahrbarer Portalkran, von dem aus die Betonmischung in die Zwischenräume der Holzverschalung gefüllt wurde

[5] Aus dem  GAGFAH/Geschäftsbericht 1927, S. 9   

[6] Merseburger Tageblatt vom 31.10.1931

[7] Alberichstr., August-Bebel-Str. (Roter Brückenrain),  Erwinstr., Hatheburgstr., Lutherstr. (erst Schwarzer Weg, dann Blanckestr.), Markwardstr., Reinefarthstr., Thankmarstr.,  V.-Harnack-Str. (Bismarckstr.),

[8] Offener Kanal Merseburg-Querfurt

[9] Die GAGFAH  M Immobilien-Management GmbH der Gagfah–Group / Hauptverwaltung Essen übereignete Fr. Kliche im März 2008 einen Ordner mit 132 Originalfotos, welchen sie ihrer Heimatstadt Merseburg schenkte.

Reinigungsaktion am Zollinger-Denkmal

Das vor mehr als 10 Jahren errichtete Erklärungsschild vor dem Zollinger-Denkmal der Albrecht-Dürer-Schule war schon seit längerer Zeit von Schmierfinken stark verunstaltet.

Selbstporträt der Schmierfinken?

In mühevoller Handarbeit konnte das Schild mit einigem Aufwand gereinigt werden und ist so wieder lesbar.

gereinigtes Erklärungsschild

Dank den Mitarbeitern des städtischen Bauhofes für Ihren Reinigungseinsatz.

Der Kniff mit den Lamellen

Mitteldeutsche Zeitung 5.4.2019
VON GÜNTER KOWA

Die klassischen Dachkonstruktionen von Friedrich Zollinger in Merseburg (Stadtmuseum Merseburg)

Der Baumeister Friedrich Zollinger (Stadtmuseum Merseburg)

MERSEBURG/MZ Das Bauhaus-Jubiläum zeitigt immer neue Ableger. Merseburg hat nun sein „Zollinger-Jahr“ ausgerufen, zu Ehren seines Baustadtrates Friedrich Zollinger, gebürtig aus Wiesbaden und im Amt von 1918 bis 1930. Er war Urheber des legendären „Zollinger-Daches“, das seinem Wirkungsort geradezu als Erkennungszeichen dient und darüber hinaus zum Exportschlager wurde. Seit 1906 erprobte er seine Lamellenkonstruktion in Form des Spitztonnengewölbes, 1923 ließ er es patentieren. Seine Dächer sind in den zehn Wohnsiedlungen allgegenwärtig, die er in der damals aufstrebenden Industriestadt anlegte.
Siegeszug der Moderne
Zollinger reiht sich damit in die Riege der gestaltenden Stadtplaner ein, die zum Siegeszug der Moderne wesentlich beitrugen – wenn auch jeder auf seine individuelle Art. So kann man Zollinger noch weniger unter „Bauhaus“-Architektur einordnen als Bruno Taut, Carl Krayl oder Johannes Göderitz in Magdeburg mit ihren „bunten“ Großsiedlungen.
Eher steht er mit seiner dem Heimatstil verwandten Formensprache etwa Hans Heckner in Aschersleben nahe. Nur einmal, bei der 1929 gebauten Oberrealschule, setzte er sein Gewölbedach auf einen Bauhaus-inspirierten Kubus mit Fensterbändern, mit skurrilem Ergebnis.
Es könnte aber kaum besser die zwei Welten, in die sein Werk und Wirken einzuordnen ist, charakterisieren. Zollinger zwischen Moderne und Tradition – das war auch Thema der gut besuchten Tagung im Merseburger Ständehaus, mit der die Stadt und der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt jüngst das „Zollinger-Jahr“ einläuteten. Eine Ausstellung mit dem Titel „Dach der Moderne“ soll im August im Kulturhistorischen Museum folgen.
Rastloses Experimentieren
Zollinger teilt mit den Modernisten das rastlose Experimentieren mit dem rationellen, technisierten, standardisierten Bauen. Während Gropius in Törten Häuser quasi am Fließband zu bauen versuchte, zog Zollinger mittels Schüttbeton und Verschalungen die Wände seiner Merseburger Siedlungshäuser hoch, aber in einem deutlich regional angehauchten und zugleich sparsam detaillierten Stil. Der hallesche Kunsthistoriker Olaf Karlson stellte Zollinger denn auch in die Tradition der Gartenstadtbewegung und konservativ-moderner Architekten wie Heinrich Tessenow, während seine Gewölbedecken unter anderem inspiriert waren von den utopischen, echohaft gotischen Kirchenentwürfen von Otto Bartning.
Mit dem „Zollinger-Jahr“ stellt sich in Merseburg freilich auch die Frage nach dem Umgang mit dem gebauten Erbe des Architekten. „Stellt alle Zollinger-Bauten unter Denkmalschutz!“, appellierte denn auch die Gießener Denkmalpflegerin und Zollinger-Expertin Charlotte Bairstow an die Stadtverwaltung.
Den Denkmalschutz gibt es derzeit nur für einige seiner Großbauten, darunter die Schulen. Die schiffsbauchige Dachlandschaft seiner Siedlungen dagegen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit der Pflege der Dächer allein nicht getan ist. Über das architektonische Erscheinungsbild der Siedlungen lagern sich die Segnungen des Baumarkts. Da kommt Denkmalschutz zu spät. Laut Stadtplaner Ivo Walther läuft derzeit immerhin die „Erörterung möglicher Erhaltungssatzungen“.

Dass es wohl nicht leicht wird, bei der „Erörterung“ unterschiedliche Interessen und Ansichten in Deckung zu bringen, legt die Situation an Zollingers ehemaligem „Wohlfahrts- und Arbeitsamt“ (1926-1927) nahe. Die Fassade erinnert ans barocke Lauchstädter Kurhaus, nur eben mit Zollinger-Dach, und ein solches krönt auch den Anbau.

Zusammen ergibt das ein städtebaulich imposantes Ensemble am Eingang zu einer seiner Siedlungen. Der Kontrast zwischen dem jüngst originalgetreu restaurierten Bauwerk (umgebaut zu Wohnungen) mit dem gestalterischen Freisinn in der Siedlung fällt hier besonders auf.

Dem verdankt das Ensemble außerdem eine sehr heutige Zutat zum Zollinger-Oeuvre in Form eines Müllcontainerhäuschens stilecht mit Zollingerdach, groß genug, um die Sicht auf das Original zu verstellen – das nun, gleichfalls ahistorisch, mit großen Lettern auf der straßenseitigen Fassade zum „Zollingerhaus“ umgetauft werden soll.

Man kann auch anders über die Zukunft des Zollinger-Erbes nachdenken. Alexander Stahr, Professor für Tragwerkslehre an der Leipziger Hochschule für Technik und Wissenschaft, bot den Zuhörern der Merseburger Tagung eine audiovisuelle Tour durch die experimentelle Weiterentwicklung des Zollinger-Daches, wie er sie derzeit mit Studenten vorantreibt.

Vorteile der Konstruktion

Er will die Vorteile dieser Konstruktion – die Einsparung an Holz und den Raumgewinn – von ihren Nachteilen befreien und so wieder markttauglich machen. Die zellenförmige Struktur des Lamellengerüstes war zwar dank vorgefertigter Elemente auch von Laien zu montieren, aber nur mit hohem Zeitaufwand. Und die Schnittstellen der Lamellen erfordern eine Stabilisierung mittels Metallschrauben, die alle zwei Jahre nachgezogen und geölt werden müssen.
Stahr will die Konstruktion computertechnisch optimieren und statt Schrauben wartungsfreie Nägel verwenden. Er sieht im Neo-Zollingerdach das „Potenzial für Massenproduktion“.