Der Kniff mit den Lamellen

Mitteldeutsche Zeitung 5.4.2019
VON GÜNTER KOWA

Die klassischen Dachkonstruktionen von Friedrich Zollinger in Merseburg (Stadtmuseum Merseburg)

Der Baumeister Friedrich Zollinger (Stadtmuseum Merseburg)

MERSEBURG/MZ Das Bauhaus-Jubiläum zeitigt immer neue Ableger. Merseburg hat nun sein „Zollinger-Jahr“ ausgerufen, zu Ehren seines Baustadtrates Friedrich Zollinger, gebürtig aus Wiesbaden und im Amt von 1918 bis 1930. Er war Urheber des legendären „Zollinger-Daches“, das seinem Wirkungsort geradezu als Erkennungszeichen dient und darüber hinaus zum Exportschlager wurde. Seit 1906 erprobte er seine Lamellenkonstruktion in Form des Spitztonnengewölbes, 1923 ließ er es patentieren. Seine Dächer sind in den zehn Wohnsiedlungen allgegenwärtig, die er in der damals aufstrebenden Industriestadt anlegte.
Siegeszug der Moderne
Zollinger reiht sich damit in die Riege der gestaltenden Stadtplaner ein, die zum Siegeszug der Moderne wesentlich beitrugen – wenn auch jeder auf seine individuelle Art. So kann man Zollinger noch weniger unter „Bauhaus“-Architektur einordnen als Bruno Taut, Carl Krayl oder Johannes Göderitz in Magdeburg mit ihren „bunten“ Großsiedlungen.
Eher steht er mit seiner dem Heimatstil verwandten Formensprache etwa Hans Heckner in Aschersleben nahe. Nur einmal, bei der 1929 gebauten Oberrealschule, setzte er sein Gewölbedach auf einen Bauhaus-inspirierten Kubus mit Fensterbändern, mit skurrilem Ergebnis.
Es könnte aber kaum besser die zwei Welten, in die sein Werk und Wirken einzuordnen ist, charakterisieren. Zollinger zwischen Moderne und Tradition – das war auch Thema der gut besuchten Tagung im Merseburger Ständehaus, mit der die Stadt und der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt jüngst das „Zollinger-Jahr“ einläuteten. Eine Ausstellung mit dem Titel „Dach der Moderne“ soll im August im Kulturhistorischen Museum folgen.
Rastloses Experimentieren
Zollinger teilt mit den Modernisten das rastlose Experimentieren mit dem rationellen, technisierten, standardisierten Bauen. Während Gropius in Törten Häuser quasi am Fließband zu bauen versuchte, zog Zollinger mittels Schüttbeton und Verschalungen die Wände seiner Merseburger Siedlungshäuser hoch, aber in einem deutlich regional angehauchten und zugleich sparsam detaillierten Stil. Der hallesche Kunsthistoriker Olaf Karlson stellte Zollinger denn auch in die Tradition der Gartenstadtbewegung und konservativ-moderner Architekten wie Heinrich Tessenow, während seine Gewölbedecken unter anderem inspiriert waren von den utopischen, echohaft gotischen Kirchenentwürfen von Otto Bartning.
Mit dem „Zollinger-Jahr“ stellt sich in Merseburg freilich auch die Frage nach dem Umgang mit dem gebauten Erbe des Architekten. „Stellt alle Zollinger-Bauten unter Denkmalschutz!“, appellierte denn auch die Gießener Denkmalpflegerin und Zollinger-Expertin Charlotte Bairstow an die Stadtverwaltung.
Den Denkmalschutz gibt es derzeit nur für einige seiner Großbauten, darunter die Schulen. Die schiffsbauchige Dachlandschaft seiner Siedlungen dagegen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit der Pflege der Dächer allein nicht getan ist. Über das architektonische Erscheinungsbild der Siedlungen lagern sich die Segnungen des Baumarkts. Da kommt Denkmalschutz zu spät. Laut Stadtplaner Ivo Walther läuft derzeit immerhin die „Erörterung möglicher Erhaltungssatzungen“.

Dass es wohl nicht leicht wird, bei der „Erörterung“ unterschiedliche Interessen und Ansichten in Deckung zu bringen, legt die Situation an Zollingers ehemaligem „Wohlfahrts- und Arbeitsamt“ (1926-1927) nahe. Die Fassade erinnert ans barocke Lauchstädter Kurhaus, nur eben mit Zollinger-Dach, und ein solches krönt auch den Anbau.

Zusammen ergibt das ein städtebaulich imposantes Ensemble am Eingang zu einer seiner Siedlungen. Der Kontrast zwischen dem jüngst originalgetreu restaurierten Bauwerk (umgebaut zu Wohnungen) mit dem gestalterischen Freisinn in der Siedlung fällt hier besonders auf.

Dem verdankt das Ensemble außerdem eine sehr heutige Zutat zum Zollinger-Oeuvre in Form eines Müllcontainerhäuschens stilecht mit Zollingerdach, groß genug, um die Sicht auf das Original zu verstellen – das nun, gleichfalls ahistorisch, mit großen Lettern auf der straßenseitigen Fassade zum „Zollingerhaus“ umgetauft werden soll.

Man kann auch anders über die Zukunft des Zollinger-Erbes nachdenken. Alexander Stahr, Professor für Tragwerkslehre an der Leipziger Hochschule für Technik und Wissenschaft, bot den Zuhörern der Merseburger Tagung eine audiovisuelle Tour durch die experimentelle Weiterentwicklung des Zollinger-Daches, wie er sie derzeit mit Studenten vorantreibt.

Vorteile der Konstruktion

Er will die Vorteile dieser Konstruktion – die Einsparung an Holz und den Raumgewinn – von ihren Nachteilen befreien und so wieder markttauglich machen. Die zellenförmige Struktur des Lamellengerüstes war zwar dank vorgefertigter Elemente auch von Laien zu montieren, aber nur mit hohem Zeitaufwand. Und die Schnittstellen der Lamellen erfordern eine Stabilisierung mittels Metallschrauben, die alle zwei Jahre nachgezogen und geölt werden müssen.
Stahr will die Konstruktion computertechnisch optimieren und statt Schrauben wartungsfreie Nägel verwenden. Er sieht im Neo-Zollingerdach das „Potenzial für Massenproduktion“.

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